Veröffentlicht in Blog, Kriegsenkel

Meine kleine Buchbesprechung (2)

Sabine Bode; Die vergessene Generation –  Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen; Verl. Piper München, 2005

Um tiefer in das Thema „Kriegsenkel“ einzutauchen, empfiehlt sich ein Blick auf die „Kriegskinder“ zu werfen. Die Generation unserer Eltern (meist selbst Kinder oder Jugendliche während des 2. Weltkriegs) empfinden sich selbst als „vergessene Generation“, die in dem Buch von Sabine Bode ihr Schweigen bricht.


Auszug aus dem Klappentext:

„Was viele bislang nur ahnten, wird nun zunehmend offen ausgesprochen: Die Kriegsvergangenheit zeigt auch heute noch in vielen Familien Spuren, bis in die zweite und dritte Generation hinein. Rastlos haben die Kriegskinder das Wirtschaftswunder erarbeitet – doch ihre eigenen Schicksale, Vertreibung, Schmerz und unverarbeitete Erlebnisse sind eine weitgehend unentdeckte Welt, belegt mit zahllosen Tabus. […] Erst jetzt beginnen sie zu reden. Ein anrührendes und wichtiges Buch über die Traumata der Kriegskinder. Sabine macht zu Recht deutlich, dass das unverarbeitete Leid der ehemaligen Kriegskinder noch heute eine große gesellschaftliche Aufgabe darstellt.“


Das Buch ist anrührend, aufschlussreich und informativ. Es eröffnete mir eine andere Sichtweise, weg von der reinen Schuldzuweisung an meine Eltern hin zu empathischen Verständnis.

Das Schweigen dieser Generation ist symptomatisch – in einem anderen Buch habe ich sinngemäß gelesen: In einer Welt der Schuldigen durfte es keine Opfer geben. Das erklärt sehr viel, finde ich.

Sabine Bode, Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen; Piper Verlag München, Mai 2005; ISBN 3-492-24403-3

Veröffentlicht in ADHS, Blog

Das Kind hat endlich einen Namen

Ich habe nun meine Diagnose offiziell und werde medikamentös eingestellt. Ich habe ADHS. Lass mich mal nachrechnen… 61 Jahre 3 Monate … eine Chronologie des Scheiterns und Wiederaufstehens, der schlechten und der guten Phasen, der Selbstzweifel bis fast zur totalen Aufgabe, des Kämpfens und der totalen Erschöpfung, der Fragen ohne Antworten, des unerschütterlichen Optimismus und der Depression, der Diagnosen und falschen Prognosen – es hat einen Namen und damit einen Status.

Bedeutet für mich erstmal Aufatmen, Freude, Versöhnung. Versöhnung mit meiner Vergangenheit, meinem Lebensweg, der kurviger nicht sein könnte. Ich hätte es nicht besser gekonnt. Das ist nun amtlich. Ich konnte nichts dafür. Ich weiß jetzt, dass ich unsere Chaos-Familie (mein Sohn hat auch ADHS) nicht besser hätte managen können. Ich weiß jetzt, dass ich meine Schullaufbahn nicht besser hätte abschließen können.

Ich war nicht faul und schlampig, Mama.

Veröffentlicht in Blog, Kriegsenkel

Meine kleine Buchbesprechung (1)

Kriegsenkel-Gefühle – Kinder der Kriegskinder schreiben von Sehnsucht, Wut und Wagemut” – von Heike Pfingsten-Kleefeld (Hrsg.) *)

Aus dem Cover-Text:… Die Kinder der Kriegskinder sind auf die Suche gegangen nach familiären Mustern und Glaubenssätzen, die sie in ihrem Leben hemmen und belasten. Ihre Erfahrungen haben sie zu abwechslungsreichen Texten verarbeitet.”

Das Buch habe ich gelesen und war erstaunt über so viele Parallelen zu meinem eigenen Leben und Empfinden. Verschiedene Personen haben in unterschiedlicher Form – Lyrik oder Prosa – ihre Gefühle offenbart, die sie mit den Erfahrungen und Traumata ihrer Kriegskind-Eltern in Verbindung bringen.

Die Texte und Gedichte zeichnen ein Bild, in dem ich mich wiederfinde und das Gefühl habe – du bist nicht allein. Ganze Passagen dieses wertvollen Buches könnten von mir geschrieben sein – Wort für Wort.

Das Vorwort – geschrieben von Ingrid Meyer-Legrand – erklärt und unterstreicht, was hinter dem Begriff “ Kriegsenkel-Problematik” steht und warum wir jetzt erst, so viele Jahre später, über dieses Thema sprechen.

“Ähnlich wie die Kriegskinder-Eltern, deren Gefühlswelt während der Zeit des Nationalsozialismus, der Verfolgung, des Krieges oder auch der Flucht und Vertreibung aufs massivste zerstört wurde, hatten Kriegsenkel einfach keine Gefühle zu haben! Den Kriegsenkeln ging es doch gut. Schließlich haben nicht sie die schlimmen Erfahrungen mit den Auswirkungen des Nationalsozialismus gemacht, sondern ihre Eltern.” […] “Aber auch die Kriegskinder-Eltern hatten keinen Raum, über ihre Gefühle des Leids und der Trauer zu sprechen, denn im Land der Täter durfte es keine Opfer geben.” (Ingrid Meyer-Legrand, S. 11).

Ich möchte diese Lektüre allen Kriegsenkeln ans Herz legen, die sich auf die Spurensuche in der eigenen Geschichte machen wollen. Ist der Anfang erst einmal gemacht, ist der Weg zwar emotional und steinig, aber das Ziel ist die Mühe wert: Lasst uns mit uns und unseren Eltern Frieden schließen.

Danke für dieses Buch.

*) Verlag Worte&Leben Braunschweig 2018
ISBN 978-3-9818549-2-3

Veröffentlicht in Blog, Happy family?

Warten auf Papa

Immer adrett gekleidet – Mama konnte toll nähen und stricken – ist klein Astrid sonntags mit Papa ausgegangen. Ebenfalls immer adrett mit Schlips und Sakko mein Vater. Erst in Schlossborn spazieren und dann nach Neuenhain in die Gute Quelle zum Skat. Ich bekam Apfelsaft und Salzstangen und spielte mit der Tochter des Wirtes. Oder wir fuhren zu Freunden auf einen Campingplatz. Auch da habe ich schnell Anschluss zu anderen Kindern gefunden. Es kam öfter vor, dass meine weißen Söckchen und Lackschuhe dreckig wurden. Autsch. Mama machte dann meinem Vater Vorwürfe, er würde nicht auf mich aufpassen und man könne das Kind doch nicht ohne Aufsicht lassen. Mein Vater war sichtlich genervt – dann gehe er halt nicht mehr mit mir aus. Basta. Oder das tolle Weihnachtsgeschenk – Schlittschuhe. Die hatte er wohl irgendwo billig bekommen und dachte, ist was für Astrid. Was sollte ich mit Schlittschuhen, wenn keiner mit mir zur Eisbahn fährt? Das sagte auch meine Mutter und machte dafür meinen Vater nieder. Das war das einzige Geschenk meines Vaters, an das ich mich erinnern kann.

„Warten auf Papa“ weiterlesen
Veröffentlicht in Blog, Kriegsenkel, Lernen geht immer

Schule in drei Generationen

Inspiriert von einigen aufschlussreichen Blog-Beiträgen und Artikeln möchte ich heute meinen Blick zurück in meine Schulzeit richten. Ich habe mich gefragt, was hat sich geändert, was ist besser geworden, was schlechter. Wie gesagt, ich bin inspiriert, mich an einige Details zu erinnern. Achtung, Oma erzählt von früher.

Nein, früher war nicht alles besser. Im Gegenteil, es gibt einige grundsätzliche Gemeinsamkeiten, wenn ich meine Schulzeit mit der meines Sohnes und der heutigen Situation an den Schulen vergleiche. Drei Generationen, dreimal das Problem Lehrermangel. Dreimal das Problem technische und räumliche Ausstattung der Schulen, dreimal mangelnder Mut, das Schulsystem nachhaltig zu reformieren.

„Schule in drei Generationen“ weiterlesen
Veröffentlicht in Blog, Kolorilo ART

Designerstuhl (Bleistift, Pastell, 2017)

Marie-Julie sitzt in einem Designersessel und langweilt sich.
Schau mich nicht so an. 
Mein Designersessel 
ist  schön, aber unbequem. 
Ja, ich bin reich. 
Ja, ich habe alles.
Mein Hausmantel war teuer. 
Echte Seide. 
Er raschelt, wenn ich mich bewege. 
Ich hasse dieses Geräusch.
Ich langweile mich. 
Ich bin einsam. 
Du hast mich alleine gelassen. 
Ich warte auf dich. Du kommst nicht. 
Du kommst 
nicht. 

Veröffentlicht in ADHS, Blog, Lernen geht immer

Läuft doch…

meistens, naja

Gemeint sind die Fortschritte in meinem Fernstudium zum “Lerncoach”. Ich bin immer noch total begeístert ob der vielseitigen Informationen über die Grundlagen unseres Denkens. Gehirnentwicklung, kognitive Entwicklung im Kindesalter – Themen die mich wirklich interessieren. Dennoch hat mein ADHS mich gut im Griff – heißt, dass ich schon das eine oder andere Problem habe, mir den Stoff auch zu merken. Dabei möchte ich gerne so viel Wissen aufnehmen und es auch abrufen und anwenden können. Mein Diskurs durch die Welt der Psychologie und Pädagogik ist auch eine Reise zu mir selbst.

„Läuft doch…“ weiterlesen
Veröffentlicht in Blog, Lernen geht immer

Frischer Wind

Ich glaube, ich hatte es einem vorherigen Artikel schon erwähnt, dass ich nicht sagen kann wie lange mich ein Thema fesselt und meine Fokussierung andauert. Das Thema „Kriegsenkel“ ist weiterhin interessant, aber es fasziniert mich nicht mehr so wie vor ein Paar Wochen. Bis gestern lagen noch alle Bücher und Notizen in meinem Sichtfeld auf dem Schreibtisch, jetzt räume ich sie weg. Nicht weil es mich nicht mehr interessieren würde oder ich das Thema nicht mehr für wichtig erachte. Es ist einfach so, dass ich im Moment keine Lust mehr auf Selbsttherapie habe und damit einhergehend auf die Beschäftigung mit der Vergangenheit.

„Frischer Wind“ weiterlesen