Veröffentlicht in Blog, Lernen geht immer

Reizwort: Underachiever

„Ihre Tochter ist faul, arrogant und aufmüpfig, sie will sich einfach nicht am Unterricht beteiligen. Sie ist für unser Gymnasium nicht geeignet. Sie brauchen auch nicht zu versuchen Kontakt zum Schulpsychologen aufzunehmen. Meine Kinder sind auch Scheidungskinder und haben alle einen Studienabschluss. Kinder versuchen gerne, die Trennung der Eltern als Ausrede für schlechte Leistungen zu benutzen. Hören sie nicht darauf.“ Die Worte waren damals an meine Mutter gerichtet und klingen noch heute wie Donnerhall in meinem Kopf. Zu diesem Zeitpunkt drohte mir das dritte „Sitzenbleiben“ (10. Klasse) und damit der Rauswurf aus der ungeliebten Schule. Das zweite Halbjahr war ich ohnehin nur sporadisch anwesend, nach meiner Volljährigkeit im April konnte ich mir die Entschuldigungen selber schreiben. Das Abgangszeugnis war entsprechend mies, nur mein Klassenlehrer meinte, mir aus Mitleid eine drei in Deutsch geben und eine Stellungnahme dazu verfassen zu müssen. In der stand, dass ich eine durchaus intelligente Schülerin mit wenig Struktur und Ehrgeiz gewesen sei. Tatsache ist, dass ich spätestens ab der 5. Klasse die Laufbahn als Underachiever eingeschlagen habe, unter anderem weil ich nie gelernt habe zu lernen. Es fiel mir halt alles leicht und ich dümpelte mit guten, aber nicht sehr guten Leistungen durch die auf drei Jahre verkürzte Grundschulzeit. Der Übertritt in die 5. Klasse gestaltete sich schon sehr schwierig, in der 6. Klasse blieb ich zum ersten mal sitzen. Der geneigte Leser kann nun einwenden, dass man ja hätte erkennen müssen, wie der Hase läuft. Dazu muss ich sagen, dass wir von den späten 1960er Jahren reden und man damals entweder faul, dumm oder aufsässig war oder alles zusammen, wenn das mit der Schule nicht so hingehauen hat. Doch nun zurück in das Jahr 2021.

Underachiever (Minderleister) nennen wir die Schüler*innen, die eine deutlich niedrigere schulische Leistung zeigen, als nach der gemessenen intellektuellen Begabung zu erwarten ist.

In diesem Beitrag beziehe ich mich speziell auf den hochbegabten oder überdurchschnittlich begabten Minderleister. In einem späteren Artikel widme ich mich dem Underachiever mit ADHS.

Mit größter Wahrscheinlichkeit muss angenommen werden, dass sie den Umsetzungsprozess von Begabung in Leistung nicht selbst steuern können. Hochbegabte Underachiever können ihre volle Leistungsfähigkeit zurückgewinnen, wenn die Ursachen der Störungen beseitigt sind. Die Ursachen für Minderleistung können vielschichtig sein und es ist wichtig, sich zusammen mit den Eltern und Lehrern auf Spurensuche zu begeben, wie sich die Leistungsfähigkeit des Kindes entwickelt hat und wodurch Beeinträchtigungen entstanden sein könnten.

Mögliche Ursachen für Underachievement

  • Ungünstige Umweltfaktoren (soziales Umfeld, Familie)
  • Beziehungsstörungen
  • Kritische Lebensereignisse
  • Hilflosigkeitserfahrungen
  • Peers
  • Klinische Faktoren
  • Psychische Störungen
  • ADHS, LRS
  • Angst
  • Strukturierungsprobleme
  • Misserfolgsorientierung (Defizitäre Kausalattribution)
  • Schule, Didaktik
  • Unterforderung
  • wenig oder keine Förderung im Vorschulalter (z.B. defizitärer Betreuungsschlüssel)

Einige Beispiele, wie Kinder bereits im Vor- und Grundschulalter zu Underachievern werden können:

Falsche Deutung der Situation

Jüngere Kinder nehmen in ihrem Lernprozess viele Informationen auf, die sie als typisch für ganz bestimmte Situationen sehen und deuten sie. Sie lernen also nicht nur einen speziellen Inhalt, sondern stellen auch eine Verbindung zu der Situation her, in der sie den Inhalt erworben haben. Zum Beispiel hat Kind1 die Tatsache, dass nur seine Mutter und Großmutter, nicht aber der Vater mit ihm Englisch sprachen, annehmen lassen, dass nur Frauen Englisch sprechen, er sich also weigerte als Junge Englisch zu sprechen. Ebenso Kind2, das in der Schule stockend las, weil alle anderen Schüler*innen stockend lasen. Sie ging davon aus, dass man in der Schule so liest. Kinder erwerben ihr Wissen bereichsspezifisch und sind noch nicht in der Lage, es auf andere Bereiche zu übertragen. Das erklärt, warum ein Kind z.B. in der Situation „Schule“ sein volles Potenzial nicht zeigt, weil es denkt, es sei dort nicht erwünscht und es möchte ja auch nicht auffallen.

Fehlende häusliche Unterstützung

Eltern gehen häufig davon aus, dass wenn ihr Kind besonders begabt ist, es automatisch auch auf allen Gebieten leistungsfähig ist. Dabei brauchen auch diese Kinder Hilfestellungen und Strukturen. Sie können wie jedes andere Kind z.B. ihre Hausaufgaben vergessen und auch sie müssen lernen ihre Schultasche zu packen und ihre Sachen in Ordnung zu halten. Gerade zu Beginn der Schulzeit benötigen sie häusliche Unterstützung, um mit den Anforderungen der Schule zurecht zu kommen. Das müssen nicht zwingend die Eltern sein, sondern auch Großeltern oder ältere Geschwister können unterstützend begleiten. Weitere Ursachen für Underachievement sind auch mangelndes Interesse der Eltern am Fortkommen des Kindes oder als Gegensatz dazu eine überhöhte Leistungserwartung.

Nachlassende Motivation

Wenn die Anforderungen in der Schule für ein begabtes Kind nicht hoch genug sind, kann seine Motivation und sein Interesse nachlassen. Sind die Aufgabenstellungen nicht passend, weil sie sich am Leistungsdurchschnitt der anderen Kinder orientieren und diese oftmals in Bereichen Unterstützung brauchen, die dem begabten Kind leichtfallen, zieht es sich vielleicht zurück und zeigt nicht mehr was wirklich in ihm steckt. Eine niedrige Motivation kann auch durch ein negatives Selbstkonzept entstehen, das durch eine ausgrenzende oder entwertende Haltung der Umwelt oder der Eltern verursacht sein könnte. Begabte Kinder müssen von Eltern und Lehrkräften richtig und nachhaltig gelobt werden, das motiviert zusätzlich und sollte nicht unterschätzt werden.

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Wie kann man vorbeugend handeln?

Autor:

#Kriegsenkel mit Macken

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