Veröffentlicht in Blog, Kriegsenkel

NS-Pädagogik wirkt bis heute nach

Wenn man sich mit der Kriegsenkel-Problematik beschäftigt, das heißt, sein Leben und Empfinden mit Ereignissen vergangener Generation in Zusammenhang bringt, kommt man unweigerlich zum Thema Trauma und Traumabewältigung.

Wenn es nicht ein einzelnes gravierendes Erlebnis als Auslöser für ein Trauma gibt, spricht man von einem Entwicklungstrauma. Es kann sich über einen längeren Zeitraum erstrecken, weil wir in unserer Kindheit belastenden Situationen noch viel weniger entfliehen können als im Erwachsenenalter. Es muss also keine Katastrophe gewesen sein, um Trauma-Symptome nach sich zu ziehen. Es kann sein, dass wir eine Mutter hatten, die sich nicht auf uns einstellen konnte, die selbst viel Angst hatte oder keine Zeit, die uns stundenlang hat schreien lassen, weil sie dem Glauben anhing, Kinder soll man nicht zu oft stillen oder verzärteln. Viele unserer Mütter waren geprägt durch die Pädagogik der NS-Zeit, deren Theorien noch – wenn auch modifiziert – bis in die 1980er Jahre in Erziehungsratgebern zu finden waren . Bekannt in diesem Zusammenhang sind die Theorien und Publikationen der Ärztin Johanna Haarer (1900–1988), wie beispielsweise Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind oder Mutter, erzähl von Adolf Hitler! In ihren Erziehungsschriften wird deutlich, wie sehr die ideologische Forderung nach Härte im Nationalsozialismus auch den Umgang mit Kleinkindern geprägt hat. In der NS-Zeit war das Ziel, Menschen groß zu ziehen, die hart, für den Krieg begeistert und emotional verkümmert waren. Man stelle sich vor, wie traumatisierend es für ein Baby ist, wenn es, gerade im Leben angekommen, als erstes lernt, dass es nicht erwünscht ist, es keine innige Zuneigung verspürt und Ablehnung erfährt, indem die Mutter es schreien lässt, damit es seine „Stimme kräftigt“.

Meine Mutter war regelrecht stolz darauf, dass sie mich schreien ließ und nicht „verzärtelt“ hat, wie sie mir selber berichtet hatte. Sie hat es einfach so gelernt in den 1950er Jahren und entsprechende Erziehungsmethoden nicht in Frage gestellt. Schließlich ist auch sie in diesem Geiste erzogen worden. Die Devise war satt, sauber, trocken. Wie sehr hat mir die körperliche Nähe gefehlt, das weiß ich heute.

„Du bist willkommen in dieser Welt so wie du bist und ich zeige dir meine Liebe – immer und immer wieder.“ Das hätte ich mir gewünscht.

Mit der Suche nach Informationen über Entwicklungstraumata stieß ich auf Dami Charf, Soziale Verhaltenswissenschaftlerin BA, Dipl. Sozialpädagogin und Psychotherapeutin:

„Wenn es nicht ein einzelnes gravierendes Erlebnis als Auslöser für ein Trauma gibt, spricht man von einem Entwicklungstrauma. Es kann etwa durch langanhaltenden Stress entstehen oder dann, wenn ein Mensch in der eigenen Kindheit unzureichend Bindung und Fürsorge von seinen Eltern erhalten hat. Da eine solche Traumatisierung über einen langen Zeitraum stattgefunden hat, setzen sich die Folgen in unserer Persönlichkeit fest. Derart traumatisierte Menschen zu erkennen, ist nicht einfach und daher wissen viele auch selbst nicht, dass sie unter den Folgen eines Entwicklungstraumas leiden. Betroffene sind häufig nicht im eigenen Körper angekommen und haben Schwierigkeiten, ihre Gefühle und ihr Bedürfnisse zu erfühlen.“

***

An dieser Stelle möchte ich auf ihren Beitrag hinweisen, der mich besonders angesprochen hat. Ich kenne diese Wut gut, die innerlich brodelt und deren Energie einen Ausweg sucht aus ihrem Gefängnis.

Dein Umgang mit Wut
von Dami Charf | 08.07.2017
Warum traumatisierte Menschen oft mit Rage kämpfen und warum dies ein großer Unterschied zu Wut ist

„Der Umgang mit Wut ist für viele Betroffen von Trauma ein sehr schwieriger. Entweder wird die Wut sehr unterdrückt, weil man auf keinen Fall so sein will, wie die Person, die einem geschadet hat oder die Wut bricht an Stellen hervor, wo man anderen Menschen weh tut und sie nicht angemessen ist… “ https://traumaheilung.de/der-umgang-mit-wut/

***

Für Interessierte:

Erziehung im Nationalsozialismus

Erziehung im Nationalsozialismus bezeichnet die Theorie und Praxis der „totalen Erziehung“ im nationalsozialistischen Deutschland 1933 bis 1945. Sie umfasst die Vorschul-, die schulische und außerschulische Erziehung sowie die Hochschulbildung während der Zeit des Nationalsozialismus. Ziel war es, die sogenannte „arische“ Jugend zu „rassenbewussten Volksgenossen“ zu formen, „ihre jugendlichen Körper zu stählen“ und sie zu überzeugten Nationalsozialisten zu erziehen. https://de.wikipedia.org/wiki/Erziehung_im_Nationalsozialismus

Autor:

#Kriegsenkel mit Macken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.