Die Motivation

Von Kindheit an war meine Mutter die einzige Informations-Quelle für mich, was die Familiengeschichte anbelangt. So erzählte sie mir zum Beispiel viel von ihrem Halbbruder H., den sie verehrt und geliebt hat, obwohl er sich freiwillig zur SS meldete. Er habe sich gegen den Willen seines Vaters für diesen Schritt entschieden. Er sei im Grunde ein toller Mensch gewesen, sehr belesen und Hobby-Fotograf. Von Beruf war er Friseur und Fotos zeugten von gutem Aussehen und freundlichem Wesen. Meine Mutter vergötterte ihn, so habe ich es immer empfunden, wenn sie von ihm sprach. Ich habe nie hinterfragt, wie sie ihn eigentlich wirklich habe kennenlernen können, obwohl er wegging nach Fehmarn als sie gerade mal drei Jahre alt war – viel zu klein, sich gut genug an ihn zu erinnern.

Recherchen, die nur mit großer Unterstützung meines Cousins möglich wurden, haben in mir die Erkenntnis reifen lassen, dass sie einem Mythos aufgesessen war, einer Phantasiegeschichte über den tollen Bruder und damit einhergehend den Vater, der gegen die Nazis und die Militärkarriere seines Sohnes gewesen sein soll und die Familie den Kontakt zu ihm abgebrochen habe. Ich habe unter anderem herausgefunden, dass er weder den Kontakt zu seinem Sohn abgebrochen hatte, noch ihm die notwendige Einwilligung, zur SS zu gehen, verwehrt hatte. Im Gegenteil, es bestand ein reger Briefwechsel zwischen H. und meinen Großeltern, begleitet von vielen Paketlieferungen an die Front. Zahlreiche Briefe sind noch im Original vorhanden – auch dies hat meine Mutter nie erwähnt, wahrscheinlich auch nicht gewusst. Meine Mutter wurde auch im Glauben gelassen, dass H. irgendwo in Russland im Panzer verbrannt sei, es darüber aber keine Gewissheit gäbe, wo und unter welchen Umständen er zu Tode gekommen war. Auch dies konnte ich anhand von Unterlagen widerlegen – es war der Todestag, der Ort und sogar die Lage der Grabstelle bekannt.

Das Bild des Nicht-Nazis, das ich von meinem Großvater hatte, entsprach keineswegs der Realität. Ich weiß heute, dass er ein Militarist war, der keineswegs etwas gegen die NS-Karriere seines Sohnes hatte. Meine Mutter beschrieb ihn immer als preußisch korrekt, streng und respekteinflößend. Er habe nie die Hand gegen sie erhoben, aber sie habe Angst vor ihm gehabt. Ich habe beschlossen, auch meinen Großvater in die Recherchen einzubeziehen, nachdem ich lange gezögert habe.

Für mich bedeutet das, dass meine Mutter mit einer Lüge gelebt haben muss. Das hat sie vielleicht ganz tief im Innern erkannt, denn sie kämpfte immer mit aller Kraft gegen nationalsozialistisches Gedankengut, was – auch innerhalb ihrer Familie – nicht immer gut ankam. Sie war regelrecht besessen davon.

Die Frage, ob meine Mutter die Wahrheit wusste und ihr Idealbild von ihrer Familie zwanghaft aufrecht erhielt, werde ich nicht mehr vollständig klären können. Auf jeden Fall weiß ich heute, dass sie durch das Aufwachsen in dieser Familie sowie durch die Erlebnisse während des Krieges und danach traumatisiert wurde und die Akzeptanz und Rückenstärkung seitens der Familie fehlte, dieses Trauma zu verhindern oder später zu verarbeiten.

Ich versuche stellvertretend für meine Mutter eine eigene Familiengeschichte zu erzählen, fernab von der reinen Sammlung von Daten wie es die Genealogie normalerweise macht. Dabei steht nicht allein das Forschen im Vordergrund, sondern vielmehr die Interpretation, die Sichtbarmachung von Familienstrukturen und die sozialen und psychologischen Auswirkungen der einzelnen Familienmitglieder – in diesem Falle auf meine Mutter und im Rahmen der Epigenetik auch auf mich.

In den nachfolgenden Kapiteln, die ich aus Datenschutzgründen mit Passwort schütze (bei Interesse, bitte danach fragen), nehme ich nacheinander Leben und Wirken, einzelner Familienmitglieder in den Fokus, vor allem derjenigen, die massiven Einfluss auf das Leben meiner Mutter hatten. Die politischen und geschichtlichen Hintergründe setze ich als bekannt voraus und konzentriere mich auf die Beziehungen innerhalb der Familie. Ich möchte betonen, dass das was ich hier schreibe, meine ganz persönliche Sichtweise widerspiegelt und ich mir ganz bewusst den Raum für eigene Interpretationen nehme.

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