Warten auf Papa

Immer adrett gekleidet – Mama konnte toll nähen und stricken – ist klein Astrid sonntags mit Papa ausgegangen. Ebenfalls immer adrett mit Schlips und Sakko mein Vater. Erst in Schlossborn spazieren und dann nach Neuenhain in die Gute Quelle zum Skat. Ich bekam Apfelsaft und Salzstangen und spielte mit der Tochter des Wirtes. Oder wir fuhren zu Freunden auf einen Campingplatz. Auch da habe ich schnell Anschluss zu anderen Kindern gefunden. Es kam öfter vor, dass meine weißen Söckchen und Lackschuhe dreckig wurden. Autsch. Mama machte dann meinem Vater Vorwürfe, er würde nicht auf mich aufpassen und man könne das Kind doch nicht ohne Aufsicht lassen. Mein Vater war sichtlich genervt – dann gehe er halt nicht mehr mit mir aus. Basta. Oder das tolle Weihnachtsgeschenk – Schlittschuhe. Die hatte er wohl irgendwo billig bekommen und dachte, ist was für Astrid. Was sollte ich mit Schlittschuhen, wenn keiner mit mir zur Eisbahn fährt? Das sagte auch meine Mutter und machte dafür meinen Vater nieder. Das war das einzige Geschenk meines Vaters, an das ich mich erinnern kann.

Die wenigen Erinnerungen an das Leben mit meinem Vater und die vielen Erinnerungen an das Leben ohne meinen Vater – er ist nicht wirklich für mich da gewesen.

Ich weiß auch nicht viel über ihn, seine Kindheit und Jugend. Die wenigen Informationen, die ich habe, stammen von meiner Mutter. Da mein Vater in ihrer Rückschau sehr schlecht weg kam – um das mal so milde zu formulieren – kann ich mir vorstellen, dass ihre Erzählungen nicht sonderlich objektiv waren.

Mein Vater E. wurde 1930 in einem kleinen Dorf in Oberhessen geboren. Sein Vater war glaube ich Bergmann im Erzbergwerk, seine Mutter Hausfrau. Er hatte drei Geschwister, zwei Schwestern einen Bruder. Die Schwestern habe ich als Kind gekannt, den Bruder nicht. E. war wohl der Jüngste. Seine Mutter, meine Großmutter, habe ich noch kennengelernt, sie war zum Schluss blind und lebte bis zu ihrem Tod in Wetzlar bei einer meiner Tante. Seinen Vater, meinen Großvater, kenne ich eigentlich nicht mehr. Er starb wohl an Asthma als ich noch klein war.

Meine Mutter beschrieb die Eltern meines Vaters als arm, ungebildet und übertrieben fürsorglich. „Mei orm Jungche (Mein armer Junge)“ muss meine Großmutter wohl immer über meinen Vater gesagt haben, sonst nichts. Meine Mutter ließ kein gutes Haar an ihrer Schwiegermutter. In diesem Zusammenhang kam auch zum ersten Mal das Wort „Affenliebe“ über ihre Lippen.

Armer Junge, muss wohl auch gestimmt haben. Das Haus meiner Großeltern war in meiner Erinnerung ein sehr winziges Fachwerkhaus mit unten zwei Kammern und kleiner Küche und oben ein oder zwei weiteren Kammern. Die Einrichtung war wirklich ärmlich. Das ist mir sogar als Kind aufgefallen. Und alles sehr eng.

Bei Kriegsende war mein Vater knapp 15 Jahre alt. Er musste wohl in den letzten Kriegswochen noch zur Flak einrücken und was er dort erlebt hat, weiß ich nicht. Es ist immer wieder dieses Schweigen. Ich weiß nicht, ob er die Volksschule beendet hatte. Nur so viel, dass er eine Schuster-Lehre angefangen hatte. Meine Mutter sagte immer, dass er sein ganzes Leben darunter gelitten hat und es auch niemandem – außer ihr – erzählt hätte. Vielleicht war das der Grund, warum er auf Anzug und Krawatte selbst in der Freizeit nicht verzichtete. Er wollte immer mehr darstellen als er in Wirklichkeit war.

Man muss sich mal vorstellen: Der Krieg ist zwar zu Ende, aber die bitteren Jahre des Wiederaufbaus waren ja auch kein Zuckerschlecken für die Kinder und Jugendlichen. Keine Lehrstellen, keine echte Perspektive und immer wieder Angst. Angst, es könnte wieder Krieg geben. Angst, man könne es nicht schaffen. Angst, Angst, Angst. Kein guter Begleiter für eine strahlende Zukunft.

Da ging so mancher verloren im Chaos der Nachkriegszeit, auch auf dem Lande.

Hilfe kam für meinen Vater von Onkel und Tante in Frankfurt. Wie in „Heidi“ zog er zu ihnen in die Großstadt, um von da an ein geregeltes und recht gutes Leben zu führen. Bei seiner Tante lernte er gutes Benehmen, wie man sich unterhält und gut kleidet. Von seinem Onkel bekam er Einblick in die Geschäftswelt und berufliche Perspektive. Ein echter Glücksfall. Was meinem Vater fehlte, war allerdings die Fähigkeit über seine eigenen Probleme nachzudenken und zu sprechen. Diese Sprachlosigkeit war aus meiner Sicht später unter anderem ursächlich für die gescheiterte Ehe meiner Eltern und der Kontaktabbruch zu mir. Und seine Gewalttätigkeit, wenn er gesoffen hatte.

Durch das Verhalten meines Vaters habe ich früh lernen müssen, dass man sich nicht unbedingt auf die Zusagen und Versprechungen anderer Menschen verlassen kann. Durch ihn habe ich Warten gelernt. Warten am Fenster. Früh habe ich auf ihn gewartet und aus dem Fenster geschaut. Er hat doch gesagt, dass er kommt und wir zusammen…. Nein. Er kam so oft nicht. Er hatte mich einfach vergessen. Das Versprechen vergessen, das er mir gegeben hatte.

Ich war überhaupt nicht wichtig für ihn.

Wenn man als kleines Mädchen lernt, dass man nicht wichtig ist und damit keine Bedeutung hat, wirkt sich das auf das spätere Leben als Frau aus. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, einen Vater zu haben, der mich in den Arm nimmt und mir sagt, dass ich ein tolles Mädchen, ein toller Mensch bin. Der mir zeigt, dass er mich liebt und für mich da ist. Der auf mich aufpasst. Der mich tröstet. Er hat es nie gelernt, zu lieben. Das weiß ich heute.

Und außerdem, Papa, das ewige Geschimpfe sonntags am Esstisch über meine Tischmanieren und später über meine zu dünnen Knie hättest du dir auch sparen können!



Kategorien:Ich erinnere mich..., Kriegsenkel

Schlagwörter:, , ,

  1. Und wenn er Dich wirklich geliebt hat und es vielleicht nur nicht zeigen konnte? Sei stolz auf ihn, er war vielleicht mehr als Du denkst.. Sorry, geht mich ja gar nichts an.

    Liken

    • Du könntest schon Recht haben. Das Schweigen und Unterdrücken der Gefühle ist wohl symptomatisch für diese Generation. Dennoch ist es eine Tatsache, dass ich mich als Kind nicht wirklich wahrgenommen fühlte.

      Gefällt 1 Person

  2. Du bist da und das ist ja auch nicht schlecht. Gib ihm die Gnade einer „verlorenen Generation“. Er hat es trotz Allem verdient. Kinder im die Welt zu setzten war damals ganz schön mutig. Es gibt in der heutigen Zeit (leider) bestimmt schlimmere Eltern. Und die.wuchsen im Wohlstand auf.

    Gefällt 1 Person

    • Sicherlich hat nicht zuletzt das Verhalten meiner Mutter dazu beigetragen, dass es zu dem frühen Kontaktabbruch mit meinem Vater, der bis zuletzt anhielt, gekommen ist. Ich hege keinen verspäteten Groll gegen meine Eltern. Mir ist ihre besondere Situation damals wie später durchaus bewusst. Würde ich sonst meine Zeit mit der „Kriegsenkelproblematik“ und deren Aufarbeitung verbringen? Sie konnten es nicht anders, das weiß ich, und machten das Beste daraus. Das verdient zwar auch Anerkennung, aber stolz sein kann ich nicht auf sie. Ich mache meinen Frieden mit ihnen und mir. Das muss reichen.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: