Eine Kriegsenkelin erzählt aus der Kindheit

„Stell´dich nicht so an“

Auch ich litt unter dieser Haltung meiner Mutter, alles sei ja nicht so schlimm und werde maßlos übertrieben. Und ja, ich litt ganz fürchterlich und ganz still für mich allein. Die fehlende Empathie meiner Mutter hat mich als Kind sehr geprägt.

Ich erinnere mich an einen Vorfall ganz besonders. Ich war ungefähr fünf Jahre alt. Hinter dem Mietshaus, in dem wir wohnten war ein ungepflegtes Gelände mit Wäschetrockenplatz, das natürlich ein wunderbarer Ort zum Spielen mit den Nachbarskindern war. Mit meinem roten Roller, den mir meine geliebte Oma zum Geburtstag geschenkt hatte, fuhr ich wild umher und landete – wie soll es anders sein – in einer dichten Brennnesselhecke – aua. Man kann sich vorstellen, wie schmerzhaft das war – ich lief heulend in den 3. Stock zu meiner Mutter. Trost und Linderung? Nein, weit gefehlt. „Stell dich nicht so an.“ Mit einem nassen Waschlappen, den sie mir gab, sollte ich die brennenden Quaddeln kühlen.

„Du musst lernen, Schmerzen auszuhalten.“

„Ich habe mich als Kind zwei Mal in eine Nähnadel gekniet und bin mit dem Fahrrad frontal gegen einen Zaun gedonnert, das war schlimm.  Ich war immer ein Wirbelwind und mir sind so viele dumme Unfälle passiert, weil ich nicht stillsitzen konnte. Wenn da die Oma immer „Geschiss gemacht hätt, … Außerdem war Krieg und bei jedem Bombenalarm war ich total in Panik. Dir geht es doch gut. Du musst lernen, Schmerzen auszuhalten.“ Hallo, ich war fünf.

Was gibt es Schöneres als mit Freundin auf dem Sofa zu hüpfen? Um Gottes Willen, das geht gar nicht. Auch so ein Erlebnis, was sich in meinem Gedächtnis eingebrannt hat: Meine Freundin Elke M. war zwei Jahre älter als ich, ein „dickes Kind“ – O-Ton meine Mutter -, aber das Schlimmste, sie war die Tochter der Wirtsleute unten in  der Eckkneipe, das zweite Wohnzimmer meines Vaters. Ich war ungefähr acht Jahre alt und wusste genau, dass man nicht auf das gute Sofa springen darf. Nun hüpfte aber Elke fröhlich auf unserer Couch und animierte mich, doch mitzumachen. Ich dachte, na wenn die das macht, darf ich das auch und wir sprangen ausgelassen um die Wette. Nicht genug, ich blies dazu im Takt auf meiner Mundharmonika. Mein Mutter stürzte herein, schrie wütend und gab mir eine Ohrfeige. Ich hatte dolle Nasenbluten und Elke schrie: „Frau H., Astrid blutet!“. Daraufhin meine Mutter: „Astrid, mach die Couch nicht schmutzig und komm sofort da runter und stell´dich nicht so an!“. Ich kann mich noch an Elkes Blick erinnern. Sie war buchstäblich fassungslos ob der Reaktion meiner Mutter. Ich habe mich fürchterlich geschämt.

Spontan würde man sagen, naja so waren die Zeiten damals in den 60ern. Kinder mussten sich eben benehmen und wenn sie es nicht taten, gab´s halt Schläge. Wie sonst hätte meine Mama reagieren sollen? Hat sie es als Kind so erlebt: In schweren Zeiten macht man den Eltern möglichst wenig Sorgen, ist am Besten unsichtbar. Und wenn man doch was anstellt, muss man halt die Konsequenzen tragen.

„Die Mamme (meine Oma) hat gewartet bis ich zuhause war, machte die Tür hinter uns zu und dann gab es Schläge“. Das hat mir meine Mutter so erzählt. „Aber sie hat uns alle geliebt. Unser Babbe (mein Opa) hat uns nie geschlagen. Wir hatten aber viel Respekt vor ihm und hätten uns nie getraut ihm zu widersprechen.“

„Ich dachte immer, du willst keine Kinder.“

Das dritte Beispiel zu o.g. Glaubenssatz stammt aus meiner Erwachsenenzeit. Ich war 32 Jahre alt und wir wohnten Tür an Tür mit meiner Mutter im selben Mietshaus. Oft bin ich abends nach Feierabend auf eine Tasse Kaffee rüber zu ihr. Wir konnten uns gut unterhalten, wenn es nicht persönlich wurde – also über Gott und die Welt, aber nicht über unsere Gefühle und Probleme. An diesem Abend hatte ich eine ganz besondere Neuigkeit zu erzählen – ich war schwanger und mit den Worten „Du wirst im nächsten Jahr Oma“ trat ich eine Lawine los, die mich durch mein weiteres Leben nicht mehr loslassen würde. O-Ton meine Mutter:

„Ich dachte immer, du willst keine Kinder. Du hast mir immer gesagt, dass du keine Kindern haben willst. Wieso jetzt doch? Überlege es dir gut, ob du es willst. Ich würde es an deiner Stelle nicht kriegen wollen.“

Während ich das schreibe, wird mir etwas übel. Noch heute erinnere ich mich an die Schockstarre, in die ich fiel. Keine Nachfrage wie es mir ging. Nicht der Ansatz von Freude und Mitgefühl. Kälte. Emotionslosigkeit. Nie zuvor hat mir meine Mutter so ihr wahres Gesicht gezeigt. Für sie war es wohl das Schlimmste, ein Kind bekommen zu haben. Dabei hat sie (und das bis zu ihrem Tod) immer wieder betont, dass ich ein Wunschkind gewesen wäre und sie mich immer geliebt habe.

Den emotionalen Todesstoß versetzte mir meine Mutter nach der Geburt meines Sohnes. Er wurde per Not-Kaiserschnitt geboren, um unser beider Leben nicht zu gefährden. Ich sehe mich noch in meinem Krankenhausbett liegen: Drainageschläuche, Urinbeutel, Schmerzmittelinfusionen, froh, dass alles gut gegangen ist, deprimiert über die „holprige Entbindung“. Und meine Mutter zum Pflichtbesuch bei ihrer Tochter.

„Das ist ja alles Nichts. Mit dir habe ich eine ganze Nacht in Wehen gelegen bis du am nächsten Morgen endlich geboren wurdest. Die Nonnen haben mich einfach liegen lassen. Das war schlimm. Da hätte ich jammern können, aber das nützt ja nichts, da muss man als Mutter durch. Ihr habt es doch heute viel besser, mit den ganzen Medikamenten.
Stell´dich doch nicht immer so an.“

Mein damaliger Mann hat seine Schwiegermutter damals aus dem Zimmer geworfen. Ich bin ihm heute noch dankbar dafür.

Ich glaube, es handelt sich um die Unfähigkeit der Kriegskinder, tiefe Beziehungen aufzubauen und Gefühle zu zeigen.

Es ist glaube ich nicht nötig, an dieser Stelle noch ausführlicher über die tiefe Verwundung, die meine Mutter meiner Seele zugeführt hat, zu sprechen. In einer Selbsthilfegruppe für Kinder, die den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen haben, sprachen etliche Teilnehmer von dem Narzissmus ihrer Mütter. Ich glaube, es handelt sich um die Unfähigkeit der Kriegskinder, tiefe Beziehungen aufzubauen und Gefühle zu zeigen. Diese „Schattenkinder“, wie sie auch genannt werden, haben ohne es zu wollen und zu wissen uns Kriegsenkel geprägt und auch teilweise in unserem Leben behindert.

Meine Mutter (geb.1937 gest. 2018) ca. 1945

Keine Frage, ich habe meine Mutter immer geliebt. Aber es ging mir besser, wenn wir Distanz zueinander hatten. Ich denke, es ging ihr genauso.



Kategorien:Kriegsenkel

  1. Wir sind noch zu jung, um Großeltern zu sein.
    Oder auch:
    Seht zu, wie ihr eure Kinder groß kriegt, mussten wir auch…

    Meine Eltern, vor gut 25 Jahren. Heute beschweren sie sich, dass ihr Enkel, der nicht einmal bei ihnen übernachtet hat, keinen Kontakt zu ihnen will. Kaputte, fertige Generation. Sie leben noch, die beiden, Vater Jg. 34, Mutter Jg. 35. Krankheits-bedingt musste ich den Umgang mit ihnen intensivieren. Pflicht, weil sonst niemand da ist. Hat mein Schöpfer sich was bei gedacht, dass ich mir die beiden noch einmal anschauen soll…

    L.G., Reiner

    Gefällt 1 Person

    • Ich kann dich gut verstehen. Ich rate dir, nach Möglichkeit die Zeit zu nutzen, die euch noch bleibt, um all die Fragen zu stellen, die für dich wichtig sind und die du dich bisher nicht getraut hast, zu stellen. Wahrscheinlich hat sich das dein Schöpfer gedacht, sozusagen als letzte Möglichkeit, zu wissen und zu verstehen. Ich habe diese Möglichkeit nicht genutzt und das ist sehr schade. Wir müssen unseren Eltern nicht verzeihen, aber wir können unseren Frieden mit ihnen machen.

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