Antidepressivum ade

Es ist geschafft: Zwei Wochen reduzierte Menge (10 mg statt 20 mg), vier Wochen Entzug. Über 12 Jahre habe ich mit kleinen Unterbrechungen Antidepressiva genommen (SSRI*). Seit acht Jahren ununterbrochen. Ich fühle mich wie aufgewacht. Nicht, dass mich das Medikament in meiner Persönlichkeit stark verändert oder abhängig gemacht hätte. Aber jetzt, wo es aus meinem Körper raus ist fühle ich mich wie befreit. Ich bin wieder ich selbst – mit allen Vor- und Nachteilen.

Ich wäre nicht ich, wenn ich alles positiv sehen würde. Komischerweise zeige ich jetzt deutlich stärker eines der ADHS-Symptome: Mangelnde Impulskontrolle. Früher (vor der Medikation) war ich sehr aufbrausend, konnte auch verbal aggressiv sein, ohne es wirklich zu wollen. Es war mir einfach manchmal nicht möglich, angemessen zu reagieren. Ich war oft cholerisch oder ungeduldig Dazu kam, dass ich sehr sensibel auf Kritik reagierte und schnell beleidigt war. Oft war in diesen Situationen Angriff meine beste (einzige) Verteidigung. Das war schon als Kind so.

Während ich das Antidepressivum genommen habe, war ich ruhiger, ausgeglichener und habe mich nicht über jeden Scheiß aufgeregt. Lieb und nett. Ich habe neue Freunde gewonnen und galt weithin als empathisch und sehr sozial. Mein Hang zu Chaos und Schusseligkeit wurde als liebenswert wahrgenommen, vieles hat man mir nachgesehen und verziehen. Was mir am krassesten aufgefallen ist: Ich habe beim Autofahren nicht mehr geschimpft wie ein Brunnenputzer.

Mein sogenanntes soziales Umfeld kennt mich nicht von früher und ich habe Angst, dass ich nun mehr anecke und negativ rüberkomme. Ich merke aber jetzt schon, dass mich gewisse Dinge mehr nerven und ich auch schon mal überschießend reagiere. Damit einher gehen alte Verhaltensmuster und -Strategien, die ich im Laufe meines Lebens eingeübt habe um im sozialen Umgang miteinander nicht aufzufallen. Die mangelnde Fähigkeit, längeren Gesprächsphasen meines Gegenübers  mit der nötigen Aufmerksamkeit zu folgen versuche ich zu überspielen. Ich versuche schon mal Aufmerksamkeit vorzutäuschen wo keine ist oder rede selber einfach mehr. Das wiederum ist auch nicht immer einfach, weil ich mich oft selber rausbringe, den Faden verliere und dann irgendwie die Kurve kriegen muss, damit das nicht auffällt. Oft weiß ich selber nicht mehr, was ich gesagt habe und mein Konfabulieren **) rettet mich über so manche peinliche Situation hinweg.

Schon als Kind konnte ich mit meinem Redeschwall mein Umfeld besinnungslos quatschen. Damals fand ich mich noch ziemlich toll, wenn auch andere nicht so positiv reagierten. Ich erinnere mich an eine Episode im Hause meiner Tante O. Ich quatschte ununterbrochen wie auf einer Theaterbühne meine jüngere Kusine voll, die mir auch mit voller Bewunderung gefühlt stundenlang zuhörte. Ein Schrei aus der Küche nebenan unterbrach jäh meine Vorführung mit den Worten: „Halt´ endlich den Mund, ich kann das nicht mehr mit anhören!“ Meine Tante, die ich ab diesem Tag nicht mehr so mochte wie vorher, ist buchstäblich der Kragen geplatzt. Warum, hat sie mir nicht erklärt.

Eine weitere Strategie war und ist mein grundsätzliches und bedingungsloses Aussprechen der Wahrheit, auch wenn dies unangemessen und unpassend ist. Es hilft mir einfach, mich zu erinnern, was ich gesagt habe. „Astrid ist immer so erfrischend ehrlich.“ – Das hat allerdings nicht jeder so gesehen. Es ist nicht immer zielführend, wenn man die Wahrheit unreflektiert von sich gibt. Aber das habe ich wenigstens gelernt, ein bisschen vorsichtiger zu sein, mit dem was ich wann bei wem sage. Das sind nur einige Gedanken, die ich mir mache.

Ich möchte ich sein und habe Angst davor. Es ist wie ein Abschied in mein neues altes Leben.

Eines ist mir klar geworden, ohne Hilfe werde ich mein Leben niemals meistern können. Ich bin seit vielen Jahren in psychiatrischer Behandlung und möchte endlich auf ADHS therapiert werden. Diese Woche habe ich einen Termin mit meinem Arzt. Ich werde ihn darauf ansprechen. Und wenn du dich fragst wofür eine ADHS-Behandlung in meinem Alter noch notwendig ist, dann antworte ich dir: Weil ich auch in meinem Alter noch eine Recht auf Lebensqualität habe. Es ist wichtig für mich, meinen Alltag strukturieren zu können, meine Gedanken und Fähigkeiten nicht zu verlieren, sondern sinnvoll umzusetzen und mein soziales Umfeld zu erhalten. Und noch was: Ich möchte nicht, dass man mich irgendwann einmal fälschlicherweise für dement hält.

Angst ist kein guter Begleiter. Ich weiß das und werde daran arbeiten.

*) SSRI: Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer

**) Konfabulieren: „Das Einbringen oder Modifizieren von Begebenheiten in einer Aussage, um vergessene oder im Augenblick nicht abrufbare, subjektiv als unwichtig empfundene Informationen und Erinnerungslücken auszugleichen. … kann zum Beispiel dazu dienen, den Redefluss nicht durch Nachdenken zu unterbrechen. Ein reduziertes Selbstwertgefühl beim Menschen mit einer ADHS kommt aber auch zustande, da die betroffenen Personen die kognitiven Defizite kompensieren müssen, um im sozialen Kontext nicht noch mehr aufzufallen: Immer wieder müssen sie zu Notlügen greifen oder sie konfabulieren, um nicht aufzufallen.“ (Piero Rossi 2001)

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