Glaubenssätze II

Du bist faul. Du könntest, wenn du nur wolltest. Du willst einfach nicht.

Besser kann man ein ADHS-Kind nicht beschreiben. Das sind Sätze, die ich in meiner Kindheit und Jugend so oft gehört habe, sei es von meiner Mutter oder von den Lehrern. Diese Sätze wurden zu meinem Mantra.

„Astrid ist ein kluges und gut erzogenes Mädchen, aber sie ist nicht fleißig genug und lässt das Plappern nicht. Die Handschrift könnte auch etwas besser sein. Sie schaut auch oft aus dem Fenster und hört gar nicht zu.“

Das sagte meine Grundschullehrerin beim Elternabend zu meiner Mutter (1969). Gleichzeitig bekam ich die Empfehlung für das Gymnasium. Heute würde man einen Test machen und feststellen, dass das Mädchen vielleicht ADHS hat. Das wiederum hätte aber bedeutet, dass meine Mutter hätte zugeben müssen, dass ihre Tochter irgendwie eine (Entwicklungs-) Störung hätte und das wäre ja überhaupt nicht gegangen. Also besser „Was man nicht weiß, macht ein´n nicht heiß“.

Normal hieß damals brav, fleißig und gehorsam. Nur nicht auffallen. Und niemals sind die Eltern schuld. Nein, das Kind ist faul und aufmüpfig, das ist sein Charakter.

Die Wissenschaft ist heute zum Glück weiter und bietet Hilfe für betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Ich frage mich allerdings, ob die heutige Eltern-Generation mit mehr Verständnis aufwartet als es damals üblich war. Aus meiner Praxis als Lernpatin an einer Grundschule weiß ich, dass auch heute noch nicht alle die notwendige Einsicht zeigen, wenn es um den Förderbedarf ihrer Kinder geht. Demzufolge werden durchaus Kinder nicht oder nur unzureichend professionell unterstützt, weil es ihre Eltern als Stigma ansehen. Schlimm für die Kinder und späteren Erwachsenen.

Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass man eine späte Erkenntnis/Diagnose (ADHS) durchaus als „Geschenk“ betrachtet, gleichzeitig aber die vergangenen Lebensjahre als vermeidbares Schicksal sieht und schlimmstenfalls als „umsonst gelebt“ empfindet.

Als „Kriegsenkel“ wuchs ich also in einem „Heile-Welt-Szenario“ auf, was ich im Übrigen schon früh als nur nach außen gerichtet enttarnt hatte. Da war da die kleine Astrid, die mit einer Empfehlung für das Gymnasium natürlich auch auf einem solchen angemeldet wurde. Das war erstmal ein Grund für Stolz der Eltern, aber auch eine schwere Hypothek auf meinen Schultern. Ich würde das erste Kind in der Familie mit einem guten Schulabschluss und einer akademischen Karriere sein. Ich sollte die unerfüllten Träume meiner Mutter wahr machen. Stellvertretend sozusagen (Parentifizierung). Ich selbst hatte nichts dagegen und träumte mich in die tollsten Berufe.

Wer mich näher kennt, weiß, dass aus alledem nichts wurde. Hatte mir die Grundschule noch nicht allzu viel Einsatz und Fleiß abverlangt, wurde mir die mangelnde Fähigkeit, konzentriert neuen Lernstoff aufzunehmen, auf dem Gymnasium zum Verhängnis. Ich kann mich an die ersten Tage und Wochen auf der neuen Schule erinnern. Da war jeder Lehrer, jede Lehrerin, jeder Schüler, jede Schülerin, ja selbst der Hausmeister und das karge Schulgebäude aus Beton interessanter als der Lernstoff.

Im weiteren Verlauf meiner Schulzeit war ich nur in Fächern gut, in denen der Stoff interessant für mich war. Und da auch nur temporär. So blieben im Grunde nur Kunst und Sport als dauerhaft (mäßig) erfolgreich übrig. Man kann schon ahnen, wo das enden würde. Genau, zweimal sitzen geblieben, beim dritten Mal mit 18 Jahren ohne Abschluss von der Schule geflogen (1977).

Jetzt kommt sicherlich deine berechtigte Frage: Warum hast du nicht schon früher die Reißleine gezogen und die Schule gewechselt? Die Antwort ist ganz klar: Das hätte ich alleine nicht entscheiden können. Meine Mutter wäre maßlos enttäuscht von mir gewesen. Sie hätte mich mit dem Arsch nicht mehr angeguckt. Sie hätte ja vor allen Leuten ihr Gesicht verloren. Ich war die Hoffnung für ihr verkorkstes Leben und wollte sie auf keinen Fall enttäuschen. War ich doch immer (leider erfolglos) bemüht, meine Mutter glücklich zu machen und damit die bedingungslose Liebe von ihr zu bekommen, die ich so dringend gebraucht hätte.

Es konnte  nur alles falsch laufen. Genau, ich konnte es nicht besser. Ich war bemüht, aber ich konnte es nicht. Ich war einfach nicht in der Lage eine gute Schülerin, eine gute Tochter und ein guter Mensch zu sein.

Mit diesem Bewusstsein bin ich aufgewachsen: Ich tauge nichts, ich könnte ja, wenn ich wollte. Bin nichts Wert, weil ich ja nicht will, nicht funktioniere. Und vor allem mache ich das alles nur, um meine Mutter zu ärgern.

Positiv – aus mir ist ja doch noch was geworden. Zwar der typische „Job-Hopper“ aber dennoch eine gute Quer-Einsteigerin in vielfältige Bereiche. Ich konnte mich immer gut in neue Themen einarbeiten, wenn sie mich interessiert haben.

Genauso schnell habe ich gekündigt, wenn mir eine Aufgabe langweilig wurde. Oder, wenn ich mich theoretisch weiterbilden und somit aufsteigen sollte. Da habe ich instinktiv dankend abgelehnt, wohl wissend, dass ich große Schwierigkeiten habe, solch eine Schulung erfolgreich durchzustehen. Damals wusste ich allerdings noch nicht warum das so ist.

Mit Mitte zwanzig packte mich dann auch mal der Ehrgeiz und ich machte den Führerschein und gleichzeitig eine Ausbildung zur exam. Altenpflegerin. Das klappte auch recht erfolgreich. Nach meiner Abschlussprüfung mit 28 Jahren habe ich allerdings nur noch ein halbes Jahr in diesem Beruf gearbeitet – da wurde ich zum ersten Mal ernsthaft krank.

Heute würde man das Burnout nennen. Überforderung war Grund für meinen gesundheitlichen Zusammenbruch, nicht wissend, dass ich im späteren Leben immer wieder solche Phasen erleben würde. Damals kam mir die Diagnose einer Autoimmunerkrankung gerade recht. Psychosomatik war damals ein Schimpfwort für mich. Nein, ich war richtig krank. Und dankbar, für eine gewisse Zeit aus dem normalen Leben gerissen zu werden.

Krankheit erlaubte mir ohne schlechtes Gewissen dem Alltag mit all seinen Anforderungen zu entrinnen. Eine „Diagnose“ war für mich stets auch Erholung. Erholung für meine Psyche, die so gebeutelt war ob der vielen Anstrengungen und Niederlagen. Ein Krankenhausaufenthalt war immer wie Urlaub. Man kümmerte sich um mich und ich musste mich um nichts kümmern.

Heute kann ich vieles anders einordnen. Zu leben, so wie ich glaubte, dass es von mir erwartet wird, war für mich immer äußerst anstrengend. Es hat mich viel Kraft gekostet. Ich bin nicht faul. Ich bin nur manchmal müde.



Kategorien:ADHS, Kriegsenkel

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